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Initiation: Wieso wir nicht nur physisch bei den Eltern ausziehen müssen



9 Monate vollkommene Versorgung. Wärme, Nahrung, Zuneigung und plötzlich: Chaos. Wir werden aus dem heiligsten aller Orte entbunden. Kampf, Geschrei, neue Empfindungen, Luftdruck. Doch da gibt es diesen für uns überlebenswichtigen Fleischkörper, der uns hält, der uns bedingungslos liebt und versorgt. Denn die nächsten zwei Jahre sind wir ausschließlich Resonanzkörper. Alles was uns dieses heilige Wesen entgegenbringt, geht direkt in unser System. Keine Filter. Ab und an blickt der andere der beiden Götter in unser Sichtfeld, hält uns, steht Nachts auf wenn wir schreien. Aber viel wichtiger ist uns die Person, dessen Leben wir 9 Monate lang mitgelebt haben.


Warum wir für ein selbstermächtigtes und freies Leben, diese beiden Götter von ihrem Thron schupsen müssen, erfährst du in diesem Blogbeitrag.



Überschrift #1: Was ist Initiation?

Überschrift #2: Weshalb Projektion entscheidend ist


 

Überschrift #1: Was ist Initiation?


Initiationsriten sind in aller Welt bekannt: Konfirmation, Jugendweihe, Bat Mitzwa, Aufnahme in einen Jugendbund oder in einen religiösen Orden. In einigen Kulturen ist es bis heute Tradition, dass Kinder/Jugendliche eine Initiation durchführen müssen, um den Übergang in die Phase des Erwachsenwerdens einzuleiten. Oft geschieht das unter harten Umständen, wie das Beschneiden unter fragwürdigen medizinischen Bedingungen in Afrika. Dort verbringen junge Männer bis zu 5 Wochen in sogenannten Initiationsschulen. Dort werden sie im kulturellen Sinne durch die Beschneidung zum Mann.


Eine Initiation ist nach C.G. Jung der Wechsel zu einem neuen Lebensabschnitt.


Jedoch rückt dieses Thema immer mehr in den Hintergrund, nicht zuletzt wegen der steigenden Zahl der Kirchenaustritte.


Doch warum dieser Prozess so bedeutend ist, unabhängig von der durchgeführten Form (Ritual), wird im Laufe des Beitrages klarer.


Überschrift #2: Weshalb Projektion entscheidend ist


Einer meiner Ausbilder prägte einen entscheidenen Satz in meinem Individuationsprozess (Individuation = Werde, der DU bist): "Wenn wir in der Tiefe verstehen und fühlen würden, dass wir sowohl Mama als auch Papa sind.. und noch viel mehr, bräuchten die wenigsten von uns Therapie oder Coaching."


Und dieser Satz ist deshalb so bedeutend, weil er das Kernthema dieses Beitrages trifft:


Die sowohl zeitgleiche Ablehnung und das Anders-sein-wollen gegenüber den selbsternannten Göttern (Mama, Papa), als auch das unbewusste und tiefe Bedürfnis von Sicherheit, Harmonie, Geborgenheit (Mutterschoß).


Die starke Rollenidentifikation mit den Eltern und den dahinterliegenden ungelösten Konflikten, sorgt im Außen für eine starke Mutter-/Vaterübertragung auf Repräsentanten.


Was bedeutet das?


Die oben beschriebene Übertragung können wir als Projektion verstehen.

"Sigmund Freud verstand unter Projektion einen Abwehrmechanismus, der die eigenen, unerträglichen Gefühle, Phantasien und Wünsche einem anderen Menschen oder Objekt zuschreibt und sie dort stellvertretend verfolgt und bekämpft." -DocCheck Flexikon


Um das klarer zu machen, nehmen wir ein Alltagsbeispiel. Du arbeitest in einem Büro, kommst super mit den Arbeitskollegen aus, nur der Chef steht dir irgendwie quer. Alle anderen kommen super mit ihm aus und rein rational betrachtet gibt es keinen Grund, weshalb du ihn ablehnst. Und trotzdem macht er etwas mit dir, sein Verhalten "triggert" etwas in dir. Manchmal kommst du dir in seiner Gegenwart wie ein kleines Kind vor. Wenn er dir ein neues To-Do mitteilt, dann willst du es nicht einsehen, bockst rum oder bist schlecht gelaunt. Obwohl objektiv betrachtet es genau deine Aufgaben sind und das Arbeitsvolumen in Ordnung ist. Wenn der Chef außer Haus ist und eine andere Führungskraft dir die Aufgaben zuweist, reagierst du entspannt und gelassen. "Es ist ja mein Job". Nur die Beziehung zu deinem Chef ist irgendwie immer ein wenig angespannt.


Die Wissenschaft schätzt die nonverbale, unbewusste Kommunikation auf über 90%.


Es geht also um mehr als die Worte des Chefs.


Das Phänomen nennt sich Projektion. Ich projiziere einen ungelösten unbewussten Konflikt auf einen Repräsentanten (Chef) und bekämpfe und verfolge diesen stellvertretend. Natürlich ohne jeglichen Erfolg. Jetzt weißt du, weshalb Dating und Beziehung solch eine Herausforderung ist. In der Tiefe daten wir dann oft nur das Abbild unserer Mutter oder des Vaters (Elternimago nach Jung) - dabei gehst es nicht darum, wie Mama oder Papa wirklich war, sondern wie wir sie empfunden haben. Und da wir die Welt durch unsere subjektive Brille sehen, ist menschliches Erleben manchmal so kompliziert.


Trage ich eine Vielzahl von ungelösten Konflikten mit meinen Göttern (Mama, Papa) herum, finde ich im Außen natürlich umso mehr Projektionsflächen. Die Kassiererin wird zum Vater, der dich immer hat warten lassen. Deine Dozentin wird unbewusst zur Mutter, die dir immer streng befohlen hat, was du machen sollst. Dein Date wird, wenn er sich 2 Tage nicht meldet, zu Papa, der die Familie verlassen hat.



Überschrift #3: Individuation


Der Individuationsprozess ist zu übersetzen mit: "Werden, der man ist" - "Werden, die man ist". Das bezieht sich keineswegs auf etwas Harmonisches oder einen glattgeschliffenen Charakter. Vielmehr geht es darum, den eigenen Schatten (das Unbewusste, das Verdrängte) anzunehmen, lernen mit ihm zu leben und zu integrieren. Ganz gleich, welche Teile wir in anderen (also auch immer in uns) ablehnen.


Zu diesem Prozess gehört die Abnabelung von den eigenen Eltern. Wie im Titel zu lesen, geht es nicht um die physische Distanz. Vielleicht hast du schon mal die Erfahrung gemacht, dass du erwartungsvoll an einen neuen Wohnort gezogen bist: Dort wird alles besser. Man kommt in der neuen Umgebung an, erlebt neue Dinge, lernt neue Menschen kennen.. und dann so langsam, schleichen sich die alten Verhaltensweisen und Überzeugungen wieder ein. Oder das typische: Jetzt wird alles besser, Motivation zur Veränderung. Und das hält dann 2 Wochen. Nie wieder möchte ich so einen Partner an meiner Seite.. und dann findet man sich nach einer total anderen Kennenlernphase wieder und stellt fest: der neue Partner ist der alte Partner (oft Projektionsflächen).


Emotionale Abhängigkeit ist nur einer der Faktoren.


Weshalb der Individuationsprozess für viele so schwer ist, liegt an einer falschen und weitverbreiteten Prämisse: Viele Menschen gehen davon aus, dass die Herausforderungen auf dieser Ebene durch Verhalten gelöst werden können. "Du musst einfach anders denken, du musst einfach etwas anderes tun". Die tiefen Programme von 0 und 1 lassen sich nicht durch ein Dankbarkeitstagebuch oder ein bisschen Meditation verändern.


In meiner Arbeit gibt es zwei essentielle Dinge, auf die ich vermehrt meinen Fokus richte. Davon berichte ich dir im nächsten Abschnitt. Danach wirst du etwas Grundlegendes verstanden haben.



Überschrift #4: Scham und Schuld


Scham und Schuld sind in ihrer Funktionalität zwei wichtige Emotionen. Gleichwertig, wie Freude, Liebe, Mut usw. usf. - sie sorgen für wichtige Korrekturen im menschlichen Erleben. Ohne jegliches Verständnis bzw. Gefühl für Scham und Schuldmechanismen, würden wir nicht mal eine Toilette aufsuchen.


Schuld bezieht sich auf unser Handeln, während Scham unser Selbst betrifft.


Sind Schuld und Scham funktional, kann ich mich frei leben. Ich kann meine Meinung äußern auch bei Widerstand, kann meine Sexualität frei leben, setze mich durch und kann Tränen zulassen, auch bei anderen Menschen. Ich bin in Bewegung, bin kreativ und setze um. Ich könnte diese Liste endlos fortsetzen und sicher wirst du dich bei mindestens einem der oben genannten Dinge angesprochen fühlen.


Stell es dir so vor: Die ersten sieben Jahre deines Lebens sind wie das Programmieren einer Festplatte. In dieser Zeit werden sämtliche Programme in Form von Nullen und Einsen installiert. Diese Programme bestimmen, wie du mit Herausforderungen umgehst, wie du in Notsituationen reagierst und wie frei du dich entfalten kannst.

Wenn nun eine neue Situation auftritt, die nicht auf deiner "Festplatte" vorhanden ist, oder wenn eine Situation auf ein Programm trifft, das durch frühkindliche Schuld- und Schammechanismen belastet ist, wirst du nicht in der Lage sein, Leistung abzurufen, bzw. dich in der Situation so zu zeigen, wie du es eigentlich gerne hättest.


Du bist in einer für dich herausfordernden Situation. Nehmen wir an, du hast Prüfungsangst bzw. bist immer nervös vor deinem ersten Date. Die Situation tritt ein, und im entscheidenden Moment passiert folgendes: Du greifst auf die Qualität deiner Systeme zurück (Nullen und Einsen). Dein Unbewusstes gleicht die Situation ab und reagiert entsprechend mit der Reaktion, die du (meistens zwischen 0 und 7 Jahren) gelernt hast.


Wenn diese Reaktion unterstützend ist, hast du kein Problem.


Ist die Reaktion jedoch belastet durch Situation und Emotion, kannst du deine Leistung nicht abrufen.


Überschrift #5: Fazit


Das Loslösen von den inneren Anhaftungen an Rollenidentifikationen ist ein enorm wichtiger Schritt. Da diese Rollen oft ein Faktor für das Gefühl von innerer Zugehörigkeit sind, ist meist Therapie oder Coaching nötig, um diese unbewussten Mechanismen zu verändern. Aber es lohnt sich, denn: Sobald wir die unbewussten Konflikte mit den daraufliegenden Scham- und Schuldbelastungen verarbeitet haben, steht uns mehr Energie zur Verfügung, wir werden weniger Projektionsflächen im Außen finden, besser über uns denken und die Facetten des Lebens natürlicher leben.


Leicht übersetzt = weniger Stress, mehr Leben.













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